Selbstbestimmung ist die Sehnsucht vieler. Wenn wir – ohne größer nachzudenken – das Wort Autonomie hören, denken wir vielleicht an äußere Bedingungen, die uns Freiraum ermöglichen. Manche verwechseln den Begriff mit Anarchie oder assoziieren extrem-politische Bewegungen. Auch das ist nicht damit gemeint. Viele Deutungen treffen nicht den Kern von Autonomie.

Wahre Autonomie ist eine innere Unabhängigkeit. Wir unterliegen äußerlich in vielerlei Hinsicht der Fremdbestimmung. Jedoch selbst ohne jegliche äußere Auflage kann man sich meist nicht wirklich frei erleben und sein volles Potenzial nutzen. Wir unterliegen innerlich den Definitionen und Reaktivitäten unserer Prägung, die uns mehr einschränken als uns recht ist, wenn wir uns dessen bewusst werden. Innerliche Selbstbestimmung ist also von äußeren Bedingungen unabhängig. Und sie ermöglicht uns, uns frei zu fühlen, selbst wenn wir äußerlich einiges beachten und befolgen müssen. Victor Frankl, Begründer der Logo-Therapie, definierte die Autonomie als die Fähigkeit, eine Pause machen zu können zwischen Reiz und Reaktion, und spricht damit die eigentliche Autonomie an, die ein innerer Freiraum ist. Dieser Freiraum kann viel größer sein als eine Pause. Er ist die Freiheit von Denk- und Haltungsmustern, von emotionalen Reaktivitäten und vergangenheitsgeprägten Ansprüchen unserer Ego-Struktur. Er ermöglicht, dass wir aus dem wahren Selbst – unserem eigentlichen Wesen – statt aus unserer Prägung agieren und reagieren können. Selbst-Bestimmung bedeutet hier wörtlich, dass das Selbst bestimmt, nicht die geprägte Persönlichkeitsstruktur. Und dies bewirkt das Freiheitsgefühl, nach dem wir uns sehnen.

Ein Beispiel:

Ein Mitarbeiter widerspricht seinem Chef in einem Meeting. Der Chef legt mit Argumenten für seine Meinung nach und beendet nach einem weiteren nicht einsichtigen Kommentar des Mitarbeiters die Diskussion mit einem Machtwort.

Was ging im Chef vor?

Seine unbewussten Ego-Bedürfnisse waren nicht erfüllt. Der Chef hat viel investiert, um in diese Position zu kommen. Das war als Erfolgserlebnis wichtig für ihn und es hilft ihm, selbst mehr von sich selbst zu halten. Alle seine Erfolgsbestrebungen dienten auf der Persönlichkeitsebene diesem Ziel. Immer mal wieder kommen in ihm Schwächegefühle und Selbstzweifel auf, die er gleich wegdrückt, und er schafft es, sich Stabilität zu verschaffen, in dem er dominant auftritt und etwas für sein Image tut. In dieser Situation im Meeting spürte er sofort diese inneren Warnungen, dass jetzt sein Image Schaden nehmen könnte, gar dass jemand denken könnte, dass er als Chef nicht geeignet ist, und dass er dem sofort Einhalt gebieten muss. Das ist die Stimme vom inneren Kritiker (auch innerer Richter genannt). Es ist der Teil unseres Bewusstseins, der uns ständig selbst bewertet, andere bewertet und uns seine Standardrezepte einflößt, um uns zu schützen (z.B. Jetzt musst Du auf den Tisch hauen, sonst bist Du schwach.).

Durch diese innerlich entstandene Notsituation hatte der Chef keine Chance, eine Pause zu machen und zu überlegen oder nachzufragen. Er hatte auch keine Möglichkeit, der inhaltlichen Botschaft des Mitarbeiters offen zu begegnen.

Wenn er autonom – in dem Fall von seinem inneren Kritiker und seinen Ego-Bedürfnissen – gewesen wäre, hätte er seinen Selbstwert und seine soziale Sicherheit nicht durch die Äußerung des Mitarbeiters in Gefahr gesehen. Er hätte sich ein paar Sekunden Zeit genommen, um zu merken, wie er den Widerspruch des Mitarbeiters findet, und um entscheiden zu können, ob er auf den Inhalt oder auf die Tatsache oder Form des Widerspruchs eingehen möchte. Seine autonome Antwort auf den Inhalt wäre dann z.B. eine offene Frage gewesen: „ Woher kommt Ihre Überzeugung?“ Er könnte auch, wenn er z.B. den Ton des Widerspruchs unangemessen findet, ergänzen: „Ich freue mich immer, wenn wir auch gegensätzliche Ansichten auf den Tisch bringen. Das ist wertvoll, weil wir dadurch noch gezielter entscheiden können. Einen Unterton braucht es dafür nicht.“ Das könnte er dann freundlich, ohne eigenen ärgerlichen Unterton sagen.

Was ist es genau, was uns einschränkt, situationsadäquat und offen zu agieren und zu reagieren?

Es sind hauptsächlich folgende vier Strukturen unserer Persönlichkeit, zu denen ich hier jeweils ein Beispiel und eine Reflektionsfrage anbieten möchte:

  1. Emotionalität und Objektbeziehung

Als Kind nimmt unsere Psyche sehr intensiv auf und speichert reduzierte, vereinfachte Formen der Wirklichkeit ab. Es tut uns psychisch gut zu wissen, wie das Leben läuft. Dadurch entstehen in uns Definitionen, die wir unser ganzes Leben mit uns rumtragen, wenn wir sie nicht in´s Bewusstsein holen und validieren. Wir alle haben dadurch eine emotionale Lieblingshaltung. Eckhart Tolle nennt sie „emotional body“. Sie basiert auf einer Definition von Ich, einer Definition des anderen, und einer Definition davon, wie das zwischen uns läuft, mit emotionalem Inhalt; z.B.: „Ich bin schwach und bedürftig, der andere hat, was ich brauche, aber ich komme nicht ran.“ Obwohl sie inhaltlich nicht angenehm ist – diese Definitionen erzeugen Frust – , behält die Psyche sie als „Lieblingshaltung“, weil sie uns vertraut ist. Und so wird sie in Stress-Situationen schnell ausgepackt und auf das aktuelle Geschehen „angewendet“, z.B. wenn in der Firma eine neuer Change-Prozess angekündigt wird und wir sofort denken „Da kriegen eh wieder nur die Insider das Beste vom Kuchen und ich muss sehen, wie ich klarkomme.“

Eine Reflektions-Frage zu diesem Teil der Persönlichkeitsstruktur könnte lauten: Welche ganz grobe Definition von früher davon, wie das „gefühlt“ – nicht bewusst gedacht! – im Leben läuft zwischen mir und anderen, könnte ich heute noch haben?

  1. Selbstbilder, Regeln und Weltbilder

Zum Mind-Set unseres inneren Kritikers gehört ein defizitäres Bild über uns selbst. Irgendetwas ist vermeintlich nicht ganz in Ordnung mit uns, sonst könnten wir uns ja genau so sein lassen, wie wir sind. Aber oft müssen wir uns anstrengen, zusammenreißen und können nicht zulassen und zeigen wie es uns geht. Gerade im Berufsleben projizieren wir viele Normen des inneren Kritikers auf das berufliche Umfeld. Wir merken nicht, wie sich ein absolut veraltetes und auch hier wieder in kindlicher Weise simplifiziertes Weltbild und Regelwerk auf uns innerlich ergießt, dem wir – als vermeintlich nicht ganz genügende Person – nachkommen müssen. So kann z.B. jemand innerlich gefühlt sich als zu langsam und zu dumm empfinden und sich dadurch ständig beeilen müssen und ganz viel lesen und wissen müssen, um in der Welt klarzukommen. Ein innerer Antrieb, der so stark wirkt, dass diese Person im Berufsleben überdurchschnittlich viele Überstunden macht, hektisch redet, in Meetings viel Zeit kostet, weil sie viel von ihrem Wissen darstellen will, viele Flüchtigkeitsfehler macht, und auch sonst getrieben statt aus ihrem Potenzial heraus durchs Leben geht und nie wirklich zufrieden ist. Hier wird der Mangel an Autonomie besonders deutlich. Autonom ist da, wer sich selbst so annehmen kann, wie er ist, sich selbst dort sein lassen kann, wo er ist, und den Automatismus seines inneren Regelwerks durch gesteuerte Selbsterkenntnis zerlegt hat. Wir spüren das von außen, wenn jemand sehr gelassen mit etwas umgeht, was im sozialen Kontext nicht gerade Punkte bringt, z.B. keine Antwort haben.

Eine Reflektions-Frage dazu könnte lauten: Was muss ich alles – gefühlt –  befolgen, um sozial bzw. existenziell sicher zu sein?

  1. Ego-Ideal und Richter-Attacken

Wir alle rennen einer idealen Version von uns selbst hinter her, die wir sein könnten, aber meist nicht erreichen. Wir halten sie uns innerlich (in Form von Attacken des inneren Kritikers) vor die Nase und fühlen uns schlecht dabei, wenn wir z.B. im Spiegel nicht so aussehen, wie es ideal wäre; auf der Waage mehr wiegen, als wir „sollten“; im Meeting nicht die optimale Formulierung wählen; etc. Auch dieses Ego-Ideal ist Teil unserer Prägung, nicht allgemeingültig und zeigt nicht unbedingt in die Richtung unseres Potenzials. Es wirkt einschränkend auf unsere Autonomie, da wir enorm viel Aufmerksamkeit und Energie darauf verwenden, es zu erreichen. Außerdem fühlen wir uns unwohl in unserer Haut, wenn wir innerlich dafür attackiert werden, und brauchen einige Zeit, bis wir wieder in unserer Kraft sind. Bis dahin sind wir der inneren Not ausgeliefert und im Äußeren z.B. damit beschäftigt, den Kollegen vom Meeting nachträglich noch die optimale Version zu liefern und uns ihnen gegenüber zu rechtfertigen, warum wir im Meeting es so (nicht ideal) formuliert hatten.

Eine Reflektions-Frage dazu könnte lauten: Was ist der Gedanke über sich selbst, den Sie haben, bevor Sie sich unwohl in Ihrer Haut fühlen? Wie „sollten“ Sie stattdessen sein?

  1. Identifikation und Image-Pflege

Um uns gut zu fühlen, suchen wir uns etwas, das wir uns wie ein Etikett an´s Rever heften können, etwas, das beweist, dass wir nicht defizitär, sondern okay, liebenswert oder anerkennenswert sind. Das Ego versucht damit einen Beweis zu liefern, den wir eigentlich nicht nötig haben, da jeder Mensch in seinem wahren Selbst okay und liebenswert ist. Je stolzer wir auf unser Etikett sind, umso mehr zeigt dies eine Identifikation, an der wir uns festhalten. Wieder das Gegenteil von Freiraum. Die großen Kategorien von Identifikationen sind Machen, Haben, Wissen, Können. Während der eine sich toll fühlt, weil er ein schickes Auto hat (Haben), definiert sich ein anderer z.B. stolz als Macher. Er erzählt gerne davon, was er alles tut, und ist abends stolz auf sich, wenn er viel gemacht hat. Wenn er befördert wird und als Führungskraft nicht mehr so viel selbst machen kann und mehr in Meetings sein müsste, fühlt er sich nicht wohl und regiert doch lieber wieder rein, um sich gut zu fühlen. Er ist mit seinem Wohlfühlen abhängig davon, sich selbst im Machen zu erleben.

Eine Reflektionsfrage dazu könnte lauten: Wie müssen Sie sich erleben, um sich wohl in Ihrer Haut zu fühlen?

Autonomie bedeutet die Unabhängigkeit von diesen, in frühen Lebensphasen geprägten Definitionen. Autonomie bedeutet, jeder Situation so begegnen zu können, als wäre man erst heute morgen (erwachsen) geboren. Der Weg dorthin braucht ein Bewusstwerden über die eigenen individuellen Persönlichkeitsprägungen. Er baucht Mut – auch wenn man dabei sehr liebevoll mit sich selbst umgehen kann – und bedeutet, komplett die Macht und die Verantwortung dafür zu übernehmen, wie man durch´s Leben geht. Dieser Schritt ist ein zweites Erwachsen-werden.

Auch für Organisationen ist es wichtig, dass die Führungskräfte und Mitarbeiter in ihrer Persönlichkeit autonom sind, denn nur so kann die Person sich ungefiltert einen Eindruck machen von dem, was passiert und erforderlich ist, und ego-freier reagieren. Die Authentizität ist eine Folge von innerer Autonomie und als eines der wichtigsten Merkmale einer guten Führungskraft für die Motivation der Mitarbeiter sehr wichtig.

Ich hoffe, dass ich Ihnen als Leser dieses Artikels zeigen konnte, wo unsere Selbstbestimmungs-Hürden liegen, und Sie neugierig machen konnte, diese bei sich selbst zu überprüfen und damit mehr Freiheit für sich zu erzeugen. Die Reflektions-Fragen führen Sie zu Antworten, die Bewusstheit bedeuten. Auch wenn erst danach eine Veränderung überlegt werden kann, ist diese Erkenntnisstufe wertvoll, da Erkenntnis selbst die innere Veränderungsdynamik in Gang setzt.

Über die Autorin:

Cornelia Weber-FürstCornelia Weber-Fürst ist MCC, Master Certified Coach, in München und unterstützt die Persönlichkeitsentwicklung ihrer Kunden in Einzel-Coachings sowie in ihrem TRIPLE A-Leadership-Programm.

Weitere Informationen über Cornelia Weber-Fürst

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