Gehirn

Unser Gehirn verändert sich laufend, wenn wir lernen. Dauerhaftes Lernen erfolgt zwar nur langsam, sind die Strukturen allerdings erst einmal im Langzeitgedächtnis verankert, dann ist der Lerneffekt stabil. Der verstärkte Einsatz von Computer und Internet wird in der Gehirnforschung durchaus kritisch betrachtet. Der deutsche Psychiater und Gehirnforscher Manfred Spitzer war Ende Juni zu Gast beim 1. Wiener Kongress für Mentale Stärke und gab interessante Einblicke in die Funktionsweise des menschlichen Gehirns.

Die gute Nachricht: Unser Gehirn hat 100 Milliarden Nervenzellen mit jeweils 10.000 Verbindungen. Diese Verbindungen, auch Synapsen genannt, verändern sich, wenn sie benutzt werden. Diese Entwicklung ist das Lernen. Durch laufendes Lernen verändert sich das Gehirn. Das Gehirn wächst mit der Aufgabe, denn es wird dichter, wenn gelernt wird. Erkenntnisse aus der Gehirnforschung zeigen auch, dass das Gehirn und die Erinnerungen, also das Gedächtnis nicht stabil sind. „Es geht nicht, eine Erinnerung zu erinnern, ohne sie zu verändern“, gibt Manfred Spitzer zu bedenken.

Das menschliche Gehirn ist besser als eine Festplatte

Der Mensch lernt langsamer als der Computer. Ein bis zwei Jahre dauert es, bis Erinnerungen im Langzeitgedächtnis abgespeichert werden. Dann sind die Erinnerungen aber dauerhaft im Gehirn verankert. Bei den massenhaft vielen Eindrücken und Ereignissen, die im Laufe eines Tages auf uns einprasseln, wird aber nur jene Begebenheit abgespeichert, die als wichtig erachtet wird. „Nicht der Einzelfall, sondern das Allgemeine wird gelernt“, erklärt der Gehirnforscher. Dabei werden eindrückliche Erlebnisse im Gehirn verarbeitet und es entstehen neue Verbindungen. Wenn später ein ähnliches Ereignis eintritt, dann wird diese gemerkte Erinnerung wieder abgerufen. Dieser Merkprozess, bzw. das Lernen erfolgt im Schlaf oder wenn man döst.

Kurzzeitgedächtnis und Langzeitgedächtnis

Das Langzeitgedächtnis ist in der Gehirnrinde angesiedelt. Sobald Erinnerungen in der Gehirnrinde abgespeichert sind, braucht es das Kurzzeitgedächtnis nicht mehr. Der Hippocampus hat im menschlichen Gehirn die Funktion des Kurzzeitgedächtnisses. Dieses ist wichtig, für das Abspeichern der Ereignisse, Informationen und Geschichten.

Im Gehirn werden auch laufend neue Nervenzellen gebildet. Diese neuen Zellen werden aber ausschließlich im Hippocampus erneuert, nicht im Langzeitspeicher. Manfred Spitzer gibt auch den Zuhörern Tipps, wie sie ihr Gehirn fithalten können: „Wenn man Stress hat, sterben mehr Nervenzellen ab. Beim Jogging wachsen mehr Zellen nach.“ Außerdem erklärt er Wege für eine Alzheimer-Prophylaxe: „Kreuzworträtsel, Sudoku und Golfspielen fordern das Gehirn nicht. Wenn Sie etwas für ihr Gehirn tun wollen, dann beschäftigen Sie sich mit Menschen.“

Bildung von Strukturen

Durch unsere Lebenserfahrungen bilden sich im Gehirn Strukturen. Diese Strukturen sind dafür verantwortlich, dass wir immer den bekannten Weg gehen, auch wenn es nicht der schnellste Weg ist. „Es ist viel leichter, sich eine schlechte Angewohnheit nicht anzugewöhnen, als sie sich wieder abzugewöhnen“, schildert Manfred Spitzer die wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Gefahren der digitalen Demenz

Manfred Spitzer hat sich in den letzten Jahren auch verstärkt mit den Folgen von intensiver Computer- und Internetnutzung auseinander gesetzt und die Auswirkungen auf das menschliche Gehirn untersucht. Besonders kritisch sieht er dabei den „Google Effekt“. „Mit der Nutzung von Google erhält das Gehirn den Auftrag: „nicht merken“. Wir merken uns Dinge nicht mehr, weil wir wissen, dass wir jederzeit wieder bei Google nachschauen können“, gibt der Gehirnforscher kritisch zu bedenken. Als Folge der intensiven Computernutzung sieht er die digitale Demenz, ein Zustand, bei dem es schwerfällt, sich Dinge zu merken, sich zu konzentrieren und auch Entscheidungen zu treffen.

Um das Wissen im World Wide Web wirklich nutzen zu können, ist aber bereits Expertenwissen, also Vorwissen notwendig, daher kritisiert Manfred Spitzer vor allem den verstärkten Einsatz von Computer und Internet in den Schulen.

Gerade in Zeiten der Überalterung der Gesellschaft ist Demenz ein wichtiges Thema. Der geistige Abstieg durch eine Demenz ist aber weniger stark ausgeprägt, wenn bereits viel Struktur im Gehirn war. Demnach ist viel Lernen die beste Medizin gegen Alzheimer.

Andrea Jindra

Über den Autor: Andrea Jindra

Mag. Andrea Jindra ist Geschäftsführerin des Beratungs- und Trainingsinstituts Die BILDUNGSMANAGER sowie Günderin und Geschäftsführerin von Weiterbildungsmarkt.at. Mit dem Fokus auf online Vermarktungslösungen für Weiterbildungsanbieter ist sie beratend und trainierend für namhafte Weiterbildungsinstitute und Hochschulen tätig.

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